Der Ausflug zu dem Naturreservat Chacocente stellte einen der Höhepunkte unserer Nicaraguareise 2009 dar.
Schon mit der Anreise begann das Abenteuer. Auf einem LKW ohne Plane zu reisen, kann bei den dort herrschenden Temperaturen wegen des kühlenden Fahrtwindes recht angenehm sein. Und so verbrachten wir die erste Stunde der Fahrt von San Marcos nach Chacocente dösend auf der Ladefläche. Doch nach dem Abbiegen von der ausgebauten Straße auf die in Nicaragua weit verbreiteten Feldwege wurde das Sitzen recht unbequem. Die meisten von uns beschlossen deshalb, sich hinzustellen. So konnten sie mehr sehen und ihre Hintern schonen. Diese wunderbare Gelegenheit und den frei werdenden Platz nutzten ein Mitschüler und ich, um uns und unsere Beine richtig auszustrecken.
In Chacocente angekommen, stellten wir fest, dass wir neben der zu erwartenden Sonnenbräune alle eine recht einheitliche Staubbräune aufgelegt hatten. Vor allem die Sonnenbrillen hatten für klare Ränder gesorgt.
Chacocente liegt sehr abgelegen. Ein Waldstreifen versperrte uns den Blick auf das Meer. Die Wege zwischen den neuen Gebäuden waren sehr gepflegt, ebenso der Rest der Anlage. Nach kurzem Warten wurden wir von einem kleinen Herrn willkommen geheißen. Er erklärte uns, dass die Bewaffnung der Mitarbeiter, über die wir uns sofort gewundert hatten, notwendig sei. Es werden immer noch häufig die Eier der Schildkröten ausgegraben und verkauft. Viele Menschen zwingt ihre Armut zum Raubbau an den eigenen Ressourcen und weil sie ganz andere Sorgen haben, fehlt ihnen auch das Bewusstsein für nachhaltigen Naturschutz. Schildkröteneier gelten als Delikatesse und werden immer noch - wenn auch illegal - auf den Märkten im Inland verkauft oder ins Ausland exportiert. Dies und die Netze der Fischer gefährden die Bestände enorm, zumal wir erfahren haben, dass es weltweit nur sieben Eiablageplätze für diese speziellen Arten von Meeresschildkröten gibt.
Wir bezogen unsere Unterkunft und bis zum Abendessen blieb noch etwas Zeit für ein Bad im Meer. Wir alle waren sehr froh darüber. In der Anlage gibt es kein fließendes Wasser, weshalb das Meer eine willkommene Abkühlung versprach. Nach einem kurzen Marsch durch einen tropischen Trockenwald, über dessen Boden Hunderte feuerroter Krabben huschten, erwartete uns ein traumhafter, menschenleerer Strand, dessen Unberührtheit allein schon dafür sprach, wie wichtig es ist, die wenigen ursprünglich gebliebenen Gebiete unserer Erde, ihr intaktes Zusammenspiel von Tier- und Pflanzenwelt, zu schützen.
Nach dem Essen, liebevoll zubereitet und serviert von Frauen aus dem nächstgelegenen Dorf, erfuhren wir von den Parkwächtern einiges über die aktuelle Gefährdungssituation und die Schutzmaßnahmen für die Schildkröten sowie die vielen Probleme, die von den Mitarbeitern zu meistern sind. Bei uns wuchs indes die Spannung. Wir wussten, dass wir nicht in der eigentlichen „Hauptsaison“ da waren und es damit nicht sicher war, ob wir überhaupt Schildkröten würden sehen können. Eine der Freiwilligen, die uns begleiteten, erzählte, dass sie und viele andere schon mehrfach umsonst den Weg nach Chacocente auf sich genommen hatten.
Da wir eine recht große Gruppe waren, die womöglich die Tiere verschrecken könnte, wurden wir geteilt. Ich selbst hatte keine Taschenlampe mit, mit Spezialfilter schon gar nicht. Am Strand hätte ich sie auch nicht gebraucht, es war eine wunderbare, silbrig schimmernde Vollmondnacht. Nur auf dem Weg durch das kleine Wäldchen musste ich ziemlich aufpassen.
Am Strand starteten wir leise und vorsichtig, jedoch in einem ziemlichen Geschwindmarsch. Dabei wurden wir von drei Bewaffneten und einem Hund begleitet. Die ganze Zeit spähten wir nach Schildkröten, aber von denen war nichts zu sehen. An einem angeschwemmten Baum machten wir schließlich Halt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon beschlossen, nicht enttäuscht zu sein, falls wir keine Schildkröte sehen würden. Auf den Fotos hatten sie immer sehr groß ausgesehen und ich glaube, ich hatte auch erheblichen Respekt vor so einem vielleicht 1-2 m langen Tier.
Eine Ewigkeit saßen wir dort am Strand. Unsere Begleiter hatten sich verstreut. Nur einer war bei uns geblieben und mit ihm sein Hund, den ich irgendwann zu kraulen begann. Wir wurden beruhigt vom Rauschen des Wassers, immer ruhiger und immer müder. Nur unsere Lehrerin schlich noch herum und machte Fotos von uns. Schließlich ertönte ein Pfeifsignal und dann noch eins. In der Ferne blinkte eine Taschenlampe auf - und los ging`s. Wir rannten den Strand entlang und wateten durch eine Flussmündung. Ein Schuh schwamm davon, doch das war egal. Im Nachhinein kommt es mir genau so komisch vor wie in dem Moment. Warum sind wir gerannt? Schild-kröten sind im Allgemeinen langsam! Aber wir wollten nichts verpassen. Aus der Ferne sahen wir das Tier kaum. Es war allein, hatte bereits den geeigneten Platz für die Eiablage gefunden und zu graben begonnen. Es dauerte sehr lange, bis das Loch groß genug war. Das Weibchen grub langsam, immer wieder machte es Pausen. Wir waren still. Jeder hatte Angst, es zu verschrecken. Wir standen im Kreis und sahen zu. Dann das erste Ei. Es hatte ungefähr die Größe eines Tennisballs. Groß, rund und weiß. Mal fiel nur eines in das Brutloch, dann drei oder vier schnell nacheinander. Dabei war die Schale der Eier irgendwie elastisch, so dass sie beim Fallen nicht kaputt gingen.
Wir versuchten natürlich auch Fotos zu machen. Sobald die Schildkröte ihr erstes Ei gelegt hatte, durften wir auch ganz nah an sie heran. Aber Fotografieren war nur ohne Blitz erlaubt. Es war also gar nicht so leicht, ein gutes Bild zu bekommen. Ein Stativ wäre sinnvoll gewesen. Zum Glück hatte jemand eine Kamera mit Vorblitz. Und wenn ich den mit nutzte und genau zum richtigen Zeitpunkt abdrückte, war die Schildkröte auf meinen Fotos wenigstens zu erahnen. Irgendwann gab ich das aber auf und genoss, was ich hautnah erlebte. Ich verlor beim Beobachten jedes Zeitgefühl, vielleicht waren es 20 Minuten, die das Ablegen der Eier dauerte, vielleicht auch mehr. Keiner zählte, aber es werden schon so um die 60 Eier gewesen sein, die da nach und nach ins Loch plumpsten.
Schließlich, nach einer kurzen Ruhepause, begann das riesige Tier damit, das Loch wieder zu verschließen. Dabei war es ebenso langsam wie beim Graben. Am Ende warf es sich noch mehrere Male mit seinem schweren Panzer kraftvoll von einer Seite auf die andere, und drückte den Sand fest. Das alles muss ungeheuer anstrengend gewesen sein. Die Schildkröte wirkte sehr erschöpft, musste sich auf dem Rückweg oft ausruhen. Und während wir sie noch zum Meer begleiteten, verwischte einer der Naturschützer die Spuren des Geleges und der Schildkröte selbst.
Zum zweiten Tier rannten wir dann nicht mehr, zumal wir wieder durch den Fluss zurück mussten. Diese Schild-kröte hatte vielleicht nur „Vorwehen“, jedenfalls grub sie erst ein bisschen und lief dann ein Stück weiter. Einer der Naturschützer versuchte, sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen, da sie schon zu weit landeinwärts geraten und der Boden hier zu fest war. Doch nach einigem Zögern kroch sie zurück ins Meer. Wir erfuhren, dass dies öfter passiert und dass das Tier wahrscheinlich am nächsten Abend erneut zum Strand kommen würde.
Nun mussten wir schnell zurück. Die zweite Gruppe wartete und wir waren schon länger als die vorgesehenen zwei Stunden unterwegs. Auch die zweite Gruppe hatte Glück, am nächsten Morgen einiges zu erzählen und sogar den verloren gegangenen Schuh gefunden. Ich habe sie in der Nacht aber nicht mehr zurückkommen gehört.
Am nächsten Vormittag bekamen wir noch eine Führung durch das Naturschutzgebiet bis hin zu einem tollen Aussichtspunkt und vor der Rückfahrt konnten wir auch noch einmal baden gehen.
Die Rückreise war ähnlich abenteuerlich wie die Hinfahrt, nur kühlte es zunehmend ab und kurz vor San Marcos begann es heftig zu regnen. So gut es ging, rutschten wir auf unserer Ladefläche unter den mitgenommenen Hängematten und Plastikfolien zusammen, was aber gegen den tropischen Regen nicht viel auszurichten vermochte.
Der Ausflug war ein unvergessliches Erlebnis! Dafür, für die kostenlose Übernachtung, Betreuung und die Füh-rungen, möchten wir uns gern erkenntlich zeigen und hier in Deutschland davon erzählen. Wir haben verstanden, wie schwierig es in einem Entwicklungsland ist, die Natur zu schützen, wenn viele Menschen noch um ihre tägliche Ernährung kämpfen. Wir haben uns vorgenommen, weitere Unterstützer für Chacocente zu finden. Wir möchten dazu beitragen, dass sich die Tierbestände wieder stabilisieren, dass die Arbeitsbedingungen der Naturschützer sich verbessern und dass den „Eierdieben aus Not“ Alternativen aufgetan werden können. Und nicht zuletzt sollen solche faszinierenden Erlebnisse auch weiterhin vielen Menschen offen stehen.
Anne Puffe 13. Klasse der Jenaplan-Schule Jena
Inzwischen haben wir unsere Erlebnisse in Chacocente an jüngere Schüler und den Kindergarten weitergegeben. Im Kunstunterricht stellen wir Schildkröten aus Ton her, die wir in unserer Schülerfirma und auf Basaren verkaufen. Damit wollen wir das Umweltprojekt in Chacocente unterstützen.
Sehen Sie hier die Fotos aus dem Kunstunterricht:







